1 Rollstuhl – 10 Tipps für die Auswahl

Rollstuhl Pro Activ

Alle Bilder von PRO ACTIV Reha-Technik GmbH – Vielen Dank!

Die Versorgung mit einem Rollstuhl ist eine wirklich individuelle Geschichte. Es gibt Rollis von der Stange und manche Kostenträger (leider auch manche Sanitätshäuser) möchten Glauben machen, dass ein x-beliebiger Rollstuhl ausreichend ist. Ausreichend liegt aber nur knapp über dem erträglichen, wenn überhaupt. Klar ist, dass du eine verdammt lange Zeit mit deinem Rolli unterwegs sein wirst. Über Kopfsteinpflaster hoppeln, den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen oder durch die engen, vollgestopften Gänge deines geliebten Deko-Ladens rollen. Ganz normal eben.

Ich kann (und will) hier keine Versorgungsberatung geben; dazu ist die Auswahl und die Versorgung mit einem Rollstuhl zu individuell und mein Horizont zu subjektiv. Ich möchte dir aber dennoch gerne ein paar Gedanken mit auf den Weg geben, die dich hoffentlich vor Zufallsentscheidungen schützen.

Tipp 1: Rollstuhl ist nicht Rollstuhl

Einen Rollstuhl hat ja jeder schon mal gesehen, kennen wir ja. Ein Stuhl mit Rädern, großen und kleinen. Eine Crème de la Crème der  Top-Adaptiv-Rollis findest du oft in TV-Produktionen, wenn wieder mal irgendein viel zu großer Schrott-Rollstuhl vom Requisiten-Verleih organisiert wurde. Ist aber ein anderes Thema, Menschen mit Behinderung in den Medien. Heikel, weil meinungsbildend.

Also, Rollstuhl ist nicht gleich Rollstuhl. Je besser der Rolli auf dich zugeschnitten ist, um so mobiler bist du später. Schließlich geht es im Alltag darum, Bordsteinkanten,  ggf. Stufen, Rampen und Unebenheiten zu meistern. Der Rolli wird dich gewissermaßen auf Schritt und Tritt begleiten – oder so ähnlich 😉 – und zu einem wirklich wichtigen Verbündeten werden.

Tipp 2: Sitzt, passt, wackelt und hat Luft?

Der Rollstuhl muss zu deinen Körpermaßen optimal passen. Grundlage dafür ist die Vermessung durch Fachpersonal zum Beispiel von deinem Reha-Haus. Ich habe bisher sehr viele Menschen im Rolli gesehen und mich teilweise gewundert, wie schlecht mancher in seinem neuen (!) Rolli gesessen hat. Hier einige Aspekte zur Anpassung des Rollis:

  • Sitzbreite: Die Sitzfläche sollte so breit sein, dass du bequem sitzt. Die Seitenteile sollten nicht drücken. Faustregel ist, größte Körperbreite auf der Hinterseite des Benutzers plus jeweils rechts und links einen bis zwei Fingerbreit „Spiel“. Je breiter der Sitz, desto breiter der Rolli. Du wirst häufiger als gedacht in Situationen kommen, in denen es auf Millimeter ankommt. Aus eigener Erfahrung würde ich keine allzu große Reserve vorsehen. Argumenten wie „Da muss ja noch die dicke Winterjacke reinpassen„, würde ich kritisch gegenüberstehen.
  • Sitztiefe: Auch hier gibt es eine Faustregel. Von der Kniekehle bis zur Sitz-Vorderkante sollten zwei Finger breit Platz sein. Faustregel eben, lass dich gut beraten.

Mach dir zudem Gedanken über die Höhe der Rückenlehne. Wieviel Halt und Stabilität benötigt du wirklich? Ich bin tatsächlich von einer recht hohen Rückenlehne – erster Rolli, Tipp vom Sanitätshaus – auf eine wirklich kurze gegangen. Wenn du eine hohe Rückenlehne benötigst, ist die Entscheidung klar und es wäre unsinnig, darauf zu verzichten. Bist du jedoch recht stabil im Rumpf stört die hohe Lehne und schränkt dich in deinen Bewegungen ein. Entscheidest du dich für eine kurze Lehne mit Schiebegriffen, sollten die Griffe in der Höhe verstellbar sein. Assistenten werden es dir danken!

Tipp 3: Rahmen – was ist dir wichtig?

Rollstuhl Pro Activ
Faltrahmen- und Starrrahmenrollstuhl

Starrrahmen- oder Faltrahmenrollstuhl? Starrrahmenrollstühle bieten eine hohe Steifigkeit gegen Verwindungen, sind deswegen recht komfortabel. Durch die steife Rahmenkonstruktion überträgt sich die Kraft des Fahrers optimal auf den Rollstuhl. Außerdem sind sie teilweise extrem leicht. Faltrahmenrollstühle können auf ein sehr geringes Maß gefaltet werden. Das ist beim Transport im Auto vielleicht wichtig. (Wenngleich Starrrahmenrollis mit abgenommenen Rädern auch recht klein werden können.) Apropos Steifigkeit: Mit einem anständigen Faltrolli wackelst und eierst du beileibe nicht durch die Lande. Ich habe mittlerweile einen super steifen Faltrollstuhl (PRO ACTIV) mit dem ich sehr zufrieden bin.

Leg dich nicht zu schnell auf einen bestimmten Rahmentyp fest, sondern überlege, was dir wichtig ist bzw. welche Anforderungen du wirklich brauchst. Ein Falter ist z. B. nur dann sinnvoll, wenn du ihn tatsächlich zusammenfalten musst (Auto, Wohnung …?).

Tipp 4: Bleibe (werde) selbstständig

Ein Rollstuhl gibt dir ein gehöriges Stück Mobilität zurück. Achte darauf, dass du diese Mobilität selbstständig genießen kannst. Dazu gehört, dass du mit deinem Rollstuhl möglichst alleine zurecht kommst, du ihn selbst antreiben, aufklappen, zusammenstecken, verladen und was weiß ich nicht noch alles kannst. Ich finde es sehr umständlich, wenn du für „einfache Handgriffe“ immer die Hilfe anderer benötigst. Versteh mich nicht falsch. Natürlich ist jede Behinderung anders und ich selbst weiß am besten, das ganz einfache Dinge manchmal unmöglich sind. Was meine ich genau?

Viele Rollstuhl-Hersteller sind kreativ, hier und da innovativ. Sie lassen sich z. B. allerhand einfallen, den Rollstuhl faltbar zu machen, die Fußstützen anzubringen oder den Kippschutz zu entfernen. Schau dir die Methoden genau an und probiere, ob du das einfach hinbekommst. Man sollte meinen, das sei immer irgendwie ganz einfach, ist es jedoch nicht immer. Prüfe wie aufwändig es für dich ist deinen Rollstuhl fahrbereit zu machen.

Tipp 5: Nimm’s leicht!

Das Gewicht deines Rollstuhls ist nicht zu unterschätzen. Wenn du nicht gerade darin sitzt, wird er gerne verstaut, getragen, transportiert. Tu dir und deinen Lieben was Gutes. Außerdem willst du dich im Rolli wendig bewegen können, da ist ein Schwergewicht wenig hilfreich. Natürlich brauchst du das, was für dich passt aber … leicht ist oft irgendwie auch schick. Mit dem Gewicht kannst du übrigens sehr gut beim Kostenträger argumentieren. Vielleicht brauchst du einen sehr leichten Rolli – nichts von der Stange. 😉 Wenn du den Rolli alleine in das Auto laden musst, spielt das eine große Rolle.

Tipp 6: Überlass die Räder nicht dem Zufall

Rollstuhl-Räder
Verschiedene Räder für unterschiedliche Anforderungen

Zu einem Rollstuhl gehören so selbstverständlich Räder wie der Riesling zu Rheinhessen oder die Haftcreme zu den Dritten. Viele Rolli-Novizen machen sich über die Ausführung der Räder deswegen kaum Gedanken. Sie sind ja einfach dran am Rollstuhl.

Der Rolli wird über die Räder angetrieben, gebremst, gelenkt. Dem Greifring kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Die Greifringe gibt es in verschiedenen Formen und Beschichtungen. Gummierte Greifreifen sorgen z. B.  für eine gute Kraftübertragung aber bergab ebenso für irre verbrannte Handinnenflächen (Handschuhe!), eloxierte Greifreifen sind recht glatt und erfordern ein festes Zugreifen. Lass dir Alternativen zeigen, wenn dir die Kraftübertragung nicht gut gelingt und probiere aus.

Die Lenkräder (die kleinen vorne) sind für den Komfort wichtig. Kleine Rädchen (sehen cool aus) können aus deinem Rolli eine Rappelkiste machen, große Gummiräder (Gegenteil von cool aber nicht hot) sind sehr komfortabel und ein Segen auf Kopfsteinpflaster. Ok, ich rate zu einem Kompromiss.

Reifen – Vollgummi oder Luftreifen? Ich habe keine Erfahrung mit Vollgummi, weiß aber, dass einige Rollifahrer darauf schwören. Können halt nicht kaputt gehen. Es gibt ganz gute pannensichere Pneus aber pannensicher ist ja immer relativ. Mit Luftreifen solltest du schon schauen, wo – oder besser über was – du fährst.

Damit die Reifen zum Gesamtkunstwerk passen, solltest du die Reifenfarbe berücksichtigen. Was nützt es, wenn du dir zum Beispiel einen schicken schwarzen Rolli ausgesucht hast und hellgraue Reifen dazu bekommst.

Rollstuhl Greifreifen
Greifreifen – Gummi beschichtet und schwarz eloxiert

Tipp 7: Zweckmäßige Fußstütze

Es gibt so viele Ausführungen für die Unterstützung deiner Füße: einteilig, zweiteilig, klappbar, schwenkbar, abnehmbar, drehbar, faltbar … Informiere dich und probiere aus.

Wirklich wichtig ist, dass deine Füße ordentlichen Halt haben. Es ist nervig, machmal auch schmerzhaft, wenn deine Füße auf holpriger Strecke vom Fußbrett rutschen. Achte auch darauf, dass dich die Fußstützen beim Transfer (Umsetzen, Aufstehen …) nicht stören. Außerdem können Fußstützen ganz schön ausladend sein. Das wird möglicherweise relevant, wenn du den Rolli im Auto mitnehmen willst. Hier kommt es manchmal auf Zentimeter an.

Tipp 8: Sitzkissen sorgt für Ausdauer

Je mehr Zeit du im Rolli verbringst, um so wichtiger wird die Qualität des Sitzkissens. Wenn du nicht explizit ein hochwertiges Sitzkissen bestellst, bekommst du ein vielleicht 3 cm-Schaumstoffkissen. Das kann durchaus ausreichend sein, wenn du den Rolli nur kurz mal brauchst. Verbringst du aber Stunden oder den ganzen Tag im Rolli, kommst du ohne ein gutes Kissen definitiv nicht aus.

Das Kissen wird oft unterschätzt. Wer schon auf einem Billig-Schaumstoff gesessen hat, weiß wie nervig und schmerzhaft das ist. Geh keinen Kompromiss ein! Dein Sitzkissen muss einfach viele Aufgaben erfüllen, zum Beispiel

  • Stabilität und Halt geben
  • Wärme und Feuchtigkeit abführen
  • Fehlhaltungen vermeiden oder korrigieren
  • Dekubitus-Vorbeugung (Druckwunden vermeiden)

Lass dir also nicht irgendein Kissen andrehen, sondern probiere aus. Benötigst du vielleicht ein stark tailliertes Kissen in dem deine Beine geführt werden und Halt haben? Lass dir welche geben, probiere aus  und entscheide dich für das passende.

Tipp 9: Hilfe für Antriebsschwache

Die Elektromobilität macht auch vor Aktiv-Rollis nicht halt. Gott sei Dank! Es gibt Radnaben-Antriebe die dich beim Antreiben der Räder unterstützen, wenn deine Kraft nicht ausreicht. Wenn du mit einem solchen Antrieb liebäugelst, solltest du das bei der Rolli-Auswahl berücksichtigen. Kläre, ob der Rollstuhl für den Antrieb geeignet ist. Die Fa. Alber aus Albstadt stellt die recht weit verbreiteten E-Motion-Räder oder die neuen Twion (Hingucker!) her. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sie mich auf vielen meiner Reisen begleitet haben und mich wirklich unabhängig machen. Ob ein solcher Antrieb für dich in Frage kommt, solltest du im Rahmen der Versorgung klären.

Tipp 10: Zubehör? Nur wenn’s wirklich hilft.

Rollstuhl Armauflage
Armauflagen als Zubehör

Nimm das, was du unbedingt brauchst. Rollstühle sind oft so konstruiert, dass jede Menge zusätzliches Equipment angebracht werden kann: Armlehnen, Gehstock-Halter, Speichenschutz, Werkzeugtasche …

Zubehörteile machen den Rolli schwer und behindern dich nicht selten dabei, mit dem Rolli wendig und flott zu fahren. Wenn du auf bestimmte Dinge nicht verzichten kannst, erübrigt sich die Diskussion, denk aber darüber nach. Hier und da verfallen Reha-Fachberater in einen Ausstattungswahn, der aus einem Aktivrolli einen behäbigen Fahrapparat macht.

Sag JA! zu deinem Rolli – Fazit

Bei allen Tipps, kommt das Wichtigste zum Schluss. Such dir etwas aus, das dir gefällt, zu dir passt und zu dem du von Herzen JA 😍 sagen kannst. Entscheide dich für einen Stuhl, mit dem du dich gerne zeigst. Kostenträger machen zwar für optischen Schnick-Schnack in der Regel kein Geld locker aber für die allermeisten Features gibt es eindeutige medizinische Gründe. Ich wünsche dir, dass du mit deinem Rolli zu neuer Mobilität und Stärke kommst. Hau rein!

Kommentar

  1. Lieber HandicaptainBlog, danke für eine inhaltsreiche Beschreibung des Rollstuhls. Ohne den ist das Leben für unsere Oma leider nicht möglich. Vor kurzem musste sie zum Arzt, aber der Transport, diese Hin- und Rückfahrten wurde zu einem Problem, denn nicht überall sind die Wege für Rollstuhlfahrer geeignet. Von einem komfortablen Rollstuhltransport lässt es sich im Moment nur träumen. Was im Beitrag auffallend ist, so können die Rollstühle individuelle Bedürfnisse berücksichtigen. Davon haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Eine professionelle Hilfe beim Transport würde uns empfehlenswert.

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